Theater Metronom – "Radio Methusa" – zurück zur Arbeit

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Radio Methusa - Theater Metronom

Ein heiteres Zukunftsdrama mit musikalischen Elementen

Inszenierung: Karl-Heinz Ahlers
Mit
Karin Schroeder, Andreas Goehrt und Jan Fritsch

Fotografie: Andreas Hartmann

 

Premiere: Freitag, 6. Mai 2011
Theater Metronom, Visselhövede

 


Inhalt:

Das Jahr 2030. Unsere Welt ist schöner geworden, bunter, aufregender und greller – zumindest in den Medien. Die Menschen werden immer älter, aber niemand will alt werden. Alte sind Verlierer. Sie sind zu teuer. In einer Zweckwohngemeinschaft widersetzen sich zwei gealterte Schauspieler und ein Musiker mit Rollator und Krücken der faltenfreien Kunstwelt. Ihr Piratensender „Radio Methusa“ ist das Sprachrohr der Vergessenen, ein Silberstreif am Horizont des reizüberfluteten Medienozeans. Hier erfährt der abgedrängte Rollatorschieber wie man den Busfahrer dazu zwingt da anzuhalten, wo man aussteigen will und nicht erst an der Haltestelle, oder, wie verkürze ich mit etwas Theaterblut im Mundwinkel die Wartezeit beim Arzt. Selbstbewusst setzen sie ihre Schwächen ein und produzieren ein aufrüttelndes Hörspiel, bereit die ergrauten Massen zum Sturm auf den Reichstag zu führen.

 

Presse

Uraufführung der Komödie im Metronom / Mix aus Utopie und Realität
"Radio Methusa" rettet die Seelen der Senioren

 

Visselhoevede - Hütthof · Aliens, Raumschiff Orion und Star-Wars-Figuren auf der Leinwand zeigen zu Beginn, dass die Zukunft im Hütthofer Theater Metronom Einzug gehalten hat. Auf vier Etagen leben die alternden Künstler Conni (Karin Schroeder als Miss Sophie aus "Dinner for one"), Edgar (Jan Fritsch) und Falk (Andreas Goehrt) auf kleinstem Raum in einer Zweckwohngemeinschaft. Sie leben in ihren Erinnerungen, besorgen sich Butterkuchen von Beerdigungen und betreiben den Piratensender "Radio Methusa".

Am Donnerstag war es endlich so weit. Das Theater Metronom feierte Premiere und Uraufführung des Hörspieltheaters "Radio Methusa". Eineinhalb Stunden lang war die herrlich schrullige Komödie von Kurzweil und guter Unterhaltung bestimmt – trotz des ernsten Themas. Denn in ferner Zukunft leben zwei Millionen Senioren! "Doch wir sind kein altes Eisen. Wir sind alt, aber nicht dumm!", versichert das Trio in ihrer Radiosendung. Zum Beweis geben sie ihren alternden Hörern wertvolle Tipps zum Überleben im Alltag. So verrät Conny wie man theatralisch den Busfahrer zum Anhalten der Haltestelle seiner Wahl zwingen kann und wie man mit 200 Milliliter Kirschsaft, 200 Gramm Apfelmus und einer Portion Johnniskernmehl Theaterblut herstellt um die Wartezeit beim Arzt zu verkürzen.

Falk gibt am Mikro seinem Ärger freien Lauf, wenn sich die Ampelphase verkürzt und die Regierung dementiert: "Die Ampelphase ist gleich, nur die Senioren sind langsamer geworden!" und "Krötenzäune" für Senioren bauen will.
Zwischen den Ratschlägen werden immer wieder Lieder angestimmt. So heißt es in einem der Stücke: "Wir setzen uns zur Wehr, denn wir werden immer mehr!" oder "Wenn die dritten Zähne klappern und sie fallen raus, dann ist es aus!"
Doch die Hörspiele weichen mehr und mehr surrealistischen Horrorszenarien, als Conny sich auf die Suche nach der Wahrheit von "ProGeria", macht. Dabei handelt es sich um einer Organisation, die Senioren nach Afrika verschifft und sie von allen Sorgen und deren Rente befreit. Hier vermischt sich Utopie und Wirklichkeit.
Die Darsteller hatten die Lacher auf ihrer Seite, zum Beispiel wenn sich das Orgasmus-Stöhnen als Blasenschwäche entpuppt, oder die Geräusche der Kaffeemühle ein verschlissenes Hüftgelenk simulieren, und sich Falk im Schrotthaufen nach "Ersatzteilen" umsieht. Das Anschließen von Radio Methusa ans Netz geschieht immer mit einer gehörigen Portion Stromschläge. Auch der Dialog der in der Badewanne befindlichen Gesellschafter von "ProGeria", der von Conny heimlich aufgenommen wird, sorgte für Szenenapplaus.

Genial ist auch das Bühnenbild, das Andreas Goehrt verantwortet: die vier Seniorenetagenwohnungen auf der einen Seite - mit "Durchreiche" nach unten - auf der Rückseite der Drehbühne das Radiostudio mit allerlei Musikinstrumenten. Die sind wiederum wichtig für die Vertonung, denn schließlich handelt es sich um eine Hörsendung. Und in der ist es den drei Alten gelungen – ob Utopie oder Wirklichkeit spielt keine Rolle mehr – die Zuhörer wachzurütteln. Sie stürmen protestierend den Bundestag. "Hunderte, Tausende, Zehntausende, Millionen – das wäre schön!"
Die Aufführungen für Sonntag und das nächste Wochenende sind bereits ausverkauft. Doch im Sommer erscheint das neue Programm, in dem auch "Radio Methusa" wieder auf Sendung geht! · aki"

 

"Kreiszeitung - Landkreis Rotenburg/Visselhövede", 07.05.2011

 

Wahrlich besser als der Tod...
theater metronom feiert umjubelte Premiere von Radio Methusa -

"Hütthof.  Conny, Falk und Edgar sind alt. Sie haben ihr Leben lang gearbeitet. Die Rente reicht nicht für ein opulentes Leben voller Annehmlichkeiten. Die drei teilen sich eine viel zu enge Wohnstätte. Übereinander liegen sie in ihren Behausungen, die von den Ausmaßen fast an Särge erinnern. Doch immer wieder entkommen sie ihrem tristen Alltag und dem Leben in Erinnerungen. Dann nämlich, wenn sie on Air gehen: Das Trio betreibt einen Piratensender für Alte – Radio Methusa.

 

Karin Schroeder, Andreas Goehrt und Jan Fritsch feierten eine umjubelte Premiere im theatermetronom. Von ihnen als "heiteres Singspiel mit lauter Musik" angekündigt, boten sie ein akustisches Feuerwerk, das die Zuschauer herzhaft Lachen und anschließend noch lange Grübeln ließ.

 

Das Thema mit dem sich die Schauspieler auseinandersetzen, ist das Alter. Über das hatten Conny, Falk und Edgar während ihres früheren Lebens eigentlich nie so richtig nachgedacht. Sie rutschten einfach hinein: Falk, der bei seinem letzten Engagement als verfolgter Hase auf der Bühne zusammenbrach, nachdem vorher sein Hüftgelenk den Geist aufgegeben hatte (herrlich nachgestellt vom humpelnden Goehrt – vor allem aber von Schroeder an der knackenden Handbohrmaschine und Fritsch an der quietschenden Kaffeemühle). Conny spielte 15 Jahre lang jeden Tag Miss Sophie im 90. Geburtstag, bis man ihr sagte, dass sie dafür zu alt sei. Und Edgar? Der große Instrumentalkünstler tingelt inzwischen als Bestattungsmusiker von Friedhof zu Friedhof.

 

Doch im wahrsten Sinne hinter den Kulissen – nämlich gut versteckt auf der Rückseite ihres Wohncontainers – leben die drei wieder auf. Wenn sie ihr Studio unter Strom setzen, dann geben sie ihrem Leben einen neuen Sinn und den anderen Alten wertvolle Tipps. Beispielsweise, wie sie es durch ein bisschen Panikmache schaffen können, dass der Busfahrer genau vor ihrem Haus hält und nicht erst an der hunderte Meter entfernten Haltestelle. Oder wie es mit ein wenig künstlichem Blut im Mundwinkel funktioniert, aus dem völlig überfüllten Wartezimmer doch noch zum Arzt vorgelassen zu werden.

Sie haben Verständnis für die Alten – aus eigenem Erleben. Sie senden für die alten Alten, für die Mittelalten und die jungen Alten. Der politisch korrekte Ausdruck: Menschen mit geriatrischem Hintergrund. Und was sie erleben, verpacken sie in Hörspiele. Die handeln von Problemen des Alltags, aber auch von Zukunftsangst und Abgeschobensein. Was passiert denn, wenn die Ampelphasen nicht ausreichen, um die Straße zu überqueren? Dann werden Krötenzäune aufgebaut. An denen können die Alten entlangglitschen, bis sie irgendwo aufgesammelt werden.

 

Und die Werbung von Pro Geria? Wenn Radio Methusa nicht gerade auf Sendung ist und dafür der Dauerberieselung den Saft abklemmt, lockt die Organisation mit sorgenfreiem Rentnerleben, wenn die Pension erst einmal an Pro Geria abgetreten ist. Das ganz große Hörspiel widmet sich der Aufklärung über den Riesenschwindel – im Sendezentrum, vor der MS Nierenstein in Bremerhaven und in der Einrichtung in Casablanca. Conny ermittelt, Falk und Edgar halten die Stellung im Studio.

 

Die drei Schauspieler zeigen Talente, die bislang kaum in den Vordergrund traten. Die Gesangsdarbietungen verblüffen. Als wären die Schauspieler und der Instrumentalist in diesem Genre zu Hause, hauen sie einen Song nach dem anderen raus – gut gespielt, toll gesungen und mit Texten, die einen auf die Schenkel schlagen lassen. Schamlos, rücksichtlos und hemmungslos singen sie von Themen, die Alte beschäftigen oder zumindest beschäftigen sollten. Und sei es, dass sie sich musikalisch darüber auslassen, wie es ist, wenn nachts die Blase drückt.

 

Dass Schroeder Gitarre und Goehrt Schlagzeug spielen kann, mag dem einen oder anderen nicht bewusst gewesen sein - dass Fritsch fast alles spielt, schon eher. Aber es fasziniert, wie die drei es schaffen, mit einem Wust von Zusammengeklaubtem ganze Tonstudios mit Geräusch-Archiven zu ersetzen, wenn sie ihre Hörspiele untermalen. Beispielsweise, wenn Conny durch den Abwasserkanal kriecht, um zu Pro Geria vorzudringen: eine alte Gießkanne, in die sie hallend und ein wenig gurgelnd hineinspricht, ein Blechbecher, mit dem Goehrt den Eindruck vermittelt, in einer Tropfsteinhöhle zu stehen und schließlich die Schlange zu treffen, die Fritsch quasi ohne Instrument imitieren kann. Es hätte sich wohl gelohnt, die Augen zu schließen, und allein den Klang auf sich wirken zu lassen – wären da nicht die drei Schauspieler, die man keinen Moment aus den Augen lassen mochte, um nicht zu verpassen, wie sie im Stile des Improtheaters mit Elementen aus dem Beatboxen (allerdings Untersparte Beatboxing mit Haushaltsutensilien) auf der Bühne agieren.

 

Bei dem Ideenreichtum, den sie bei Kulisse und Musik zeigen, wundert nicht, dass das ausgeklügelt konstruierte dreistöckige Wohncontainer-Studio sich plötzlich in die dampfende Sauna der Pro-Geria-Spitzenkräfte verwandelt. Und schon gar nicht, dass aus dem Nichts ein Peilwagen im Stile von R2D2 auf der Suche nach dem Piratensender über die Bühne flitzt.

 

Ein Hörspiel über das Altwerden auf die theater-Bühne zu bringen, das erscheint aussichtslos, will man einen Kassenschlager produzieren. Für das metronom eine angemessene Herausforderung. Und das Ergebnis? Der Zuschauer erlebt einen köstlichen Abend, lässt ihn staunen und nachdenklich nach Hause gehen. Was könnte theater mehr erreichen wollen?"

 

"Rotenburger Rundschau", 6.05.2011